Der Einfluss der Globalisierung auf die Wirtschaft

Es gibt sicher kein zweites Ereignis, das die Weltwirtschaft so verändert hat wie die Globalisierung. Seit mit dem rigiden Abbau der Zölle das Zeitalter der Globalisierung eingeläutet wurde, sind die Gesetze der Marktwirtschaft weitgehend außer Kraft gesetzt, weil ein fairer Wettbewerb kaum noch möglich ist.

 

Wirtschaft und Globalisierung:
1. Alle Dämme sind gebrochen!
Wenn es dem Esel zu geht, geht er aufs Eis. Und wenn die Wirtschaft brummt, werden manche Volksregenten leichtsinnig und lassen sich von den "unvoreingenommenen" Experten der Kapitallobby belatschen.
Kurzum: Seit Ende der 1970er Jahre die Zölle geächtet und abgebaut wurden, haben sich die Bedingungen für die Wirtschaft grundlegend geändert. Denn fortan war die Wirtschaft eines Landes den Dumpingattacken aus dem Ausland schutzlos ausgeliefert. In dem intakten Binnenmarkt der Vorglobalisierungsära wurde der Wettbewerb der Unternehmen unter verhältnismäßig fairen Bedingungen ausgetragen, weil alle Firmen mit den gleichen Löhnen, Steuern und Vorschriften auskommen mussten.
Mit dem Zollabbau hat sich dieses Gleichheitsprinzip radikal gewandelt. Plötzlich musste der deutsche Hersteller mit ausländischen Anbietern konkurrieren, deren Produktionskosten um 30, 50 oder gar 90 % niedriger lagen. Das ein solcher unfairer "Wettbewerb" eine Volkswirtschaft auf Dauer ins Verderben führt, haben wir ansatzweise bereits in den letzten 27 Jahren zu spüren bekommen: Die Arbeitslosenzahlen haben sich in Deutschland vervierfacht und die Reallöhne sind gesunken (dabei hätten sie sich entsprechend der Produktivität in etwa verdoppeln müssen).

 

Wirtschaft und Globalisierung:
2. Ein Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit findet nicht mehr statt!
In einem intakten Binnenmarkt liegt das Wachstum der Produktivität im Einklang mit dem realen Lohnanstieg. Dieser Ablauf vollzieht sich nicht aus Vernunft oder Großherzigkeit, sondern weil ein echter Markt ihn erzwingt. Würde nämlich die Produktivität schneller steigen als die Kaufkraft, würde dies ein Waren-Überangebot zur Folge haben. Dieses Ungleichgewicht würde wiederum einen Preiskampf auslösen, der solange andauern würde, bis sich Kaufkraft und Produktivität wieder angeglichen hätten.

 

Wirtschaft und Globalisierung:
3. Die meisten Großkonzerne können absahnen

Schon in einem intakten Binnenmarkt herrscht (bei mangelhaften Gesetzen) ein starker Monopolisierungstrend. Die großen Firmen sind meistens im Vorteil, weil sie zu günstigeren Konditionen einkaufen können, im großen Stil die Produktion, Forschung und Werbung billiger kommt und auch noch hauseigene Juristen und Steuerexperten die komplexe Gesetzeslage besser ausnutzen können.

Die Globalisierung nun beschert den ohnehin schon Begünstigten weitere Vorteile. Großunternehmen können leichter und schneller die sich aus der Globalisierung ergebenden Kostenvorteile ausschöpfen, ohne sie an den Verbraucher weitergeben zu müssen (weil Prestigemarken Billigkonkurrenz kaum fürchten müssen).
Sie können das globale Dumpingprinzip voll auskosten (im fernen Ausland billigst produzieren und im Hochlohnland teuer verkaufen).

Die mittelständische Wirtschaft ohne Edelmarken-Image hat bei diesem Treiben in der Regel das Nachsehen. Um nicht alle Marktanteile zu verlieren, müssen sie die Kosten senken und zumindest Teile der Fertigung ins Billigausland verlagern. Da sie aber nicht über die Marktmacht und das teure Know-how der Konzerne verfügen, fallen sie bei diesen Ausgliederungsversuchen oft auf die Nase. Entweder gibt es dann im Billiglohnland große Qualitätsprobleme (weil eigene Kontrolleure vor Ort fehlen), oder es kommt noch schlimmer: die Produkte werden gnadenlos abgekupfert und unter anderem Label vermarktet.

 

Wirtschaft und Globalisierung:
4. Perversion pur: Wachsende Wirtschaft und sinkende Einkommen
Deutschland kann sich rühmen: Es ist quasi zum Musterland der Globalisierungsverlierer geworden. Denn auch die stetig wachsende Wirtschaft und die alljährliche Kürung zum Exportweltmeister können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Arbeitseinkommen und damit auch der allgemeine Wohlstand seit Beginn der Globalisierung sinken.

In keinem Land wird die Perversion so deutlich wie bei uns: Was nützen Wirtschaftswachstum, vermeintliche Exporterfolge, eine drastische Zunahme des Lkw-Verkehrs, eine kontinuierliche Ausweitung der Gewerbeflächen, ein steter Anstieg des Energieverbrauchs in der Wirtschaft (trotz beachtlicher Fortschritte bei der Energieeffizienz), was nützt es, wenn immer mehr in die Bildung investiert wird, junge Leute Abitur machen und ein Studium absolvieren - wenn alle Mühen und Anstrengungen mit dem Abbau des Lebensstandards einhergehen?

Wann wird man endlich einsehen, dass die ganze wirtschaftliche Entwicklung seit Beginn der Globalisierung (dem Fall der Zollschranken) extrem abartig ist, dass es pervers ist, wenn auf Dauer Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerungen mit Kaufkraftschwund enden.
Der menschliche Erfindergeist und der technologische Fortschritt hat der Menschheit immer einen Wohlstandsanstieg beschert - seit Beginn der Globalisierung ist das völlig umgekehrt. Nur die Kapitalgewinne entwickeln sich prächtig, die meisten Aktienindizes haben sich seit Beginn der Globalisierung vervielfacht und die Zahl der Multimilliardäre steigt und steigt - der Kapitalismus ist zum Eldorado der Spekulanten verkommen.

Und was macht die Politik angesichts dieser haarsträubenden Entwicklung? Sie streitet hilflos über die Symptome, feilscht über Mindest- und Kombilöhne, strengere Auflagen für Arbeitslose, über Pflege- und Gesundheitssysteme und die Subventionierung privater Zusatzrenten - aber denkt nicht im Traum daran, das Übel an der Wurzel zu packen oder auch nur über den Sinn oder Unsinn des Zollabbaus sachlich zu debattieren.

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 © Manfred J. Müller, Flensburg, 2007

  


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